Gefangen im System · Und wo
bitte schön, soll ich hin? Diese (berechtigte) Frage stellt sich Bianca D.
Im folgenden Schreiben wird ihre Situation geschildert, die sicherlich kein
Einzelfall ist.
Wir veröffentlichen ihren Text ungekürzt.
Das bin ich: Eine Frau, Anfang 50, die seit vier Jahren an Brustkrebs mit
zahlreichen Metastasen im gesamten Skelettbereich erkrankt ist, unheilbar.
Inzwischen sitze ich im Rollstuhl
und habe Pflegegrad 4. Ein hoher Grad, wenn man bedenkt das es nur 5 Pflegegrade
gibt.
Seit knapp drei Jahren lebe ich mit meinen beiden Stubentigern in einer
barrierearmen Wohnung. Ich habe mir ein soziales Netz gespannt,
welches aus professioneller Hilfe, wie z.B. der Spezialisierten ambulanten
Palliativversorgung (SAPV) und dem ambulanten Hospiz besteht.
Aber auch sehr treue Freunde sind fester Bestandteil dieses Netzes.
Ja, wenn man das so liest, hört sich meine Situation schwierig an. Ist sie auch.
Bei Pflegegrad 4 liegt der Fokus u. a. auf der Bewertung der Lebensbereiche
Mobilität, der Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen oder die Gestaltung
des Alltagslebens
und sozialer Kontakte. Inzwischen bin ich sogar auf Hilfe angewiesen, wenn ich
nur das Haus verlassen möchte.
Es ist mir im Rollstuhl nicht möglich, die Haustür alleine aufzudrücken. Durch
den Vermieter werden keine Maßnahmen
vorgenommen, um das Wohnumfeld zu verbessern. Ohne den Besuch meiner Freunde und
meiner Therapeuten, bin ich hier sozial isoliert.
Wenn sich also die Umstände nicht ändern, muss ich selbst eine Änderung
herbeiführen. Ich muss umziehen. Meine Sehnsucht nach Teilhabe am sozialen Leben
treibt mich an.
Denn auch mit unheilbarer Erkrankung möchte ich ein normales Sozialleben führen
können. Doch wohin mit mir?
Wer kann da helfen? Von allen Seiten erhalte ich nur hilfloses Kopfschütteln.
Die Aufgabe entwickelt sich zunehmend zu einer seelischen Odyssee.
Was kommt da in Frage?
Ein Pflegeheim?
Allein der Gedanke, ein Zimmer in einem Pflegeheim zu beziehen, meine Katzen
abgeben zu müssen, keine wirkliche Privatsphäre zu haben,
keine Selbstständigkeit – nein, das ist nicht das Umfeld, in dem ich mich sehe.
Noch nicht.
So weit bin ich noch nicht. Derzeit lebe ich ja auch selbstständig in meiner
Wohnung.
Und außerdem sind die Kosten eines Vollpflegeplatzes horrend und in meinem Fall
noch nicht angezeigt.
Betreutes Wohnen?
So bezeichnet man eine Wohnform, bei der meist ältere Menschen bzw. Menschen mit
Unterstützungsbedarf, selbstständig in ihrer eigenen Wohnung leben,
aber bei Bedarf Hilfe und Betreuungsleistungen in Anspruch nehmen können. Das
scheint mir die beste Möglichkeit.
Eine eigene Wohnung, mit meinen Fellnasen, in der autarkes Leben möglich ist und
ich mir genau so viel Hilfe hinzuziehen kann,
wie ich brauche. Doch auch da holt mich die Realität schnell ein.
Wartelisten.
Es gibt viel mehr Interessenten als Angebote. Wartezeiten bei allen
Institutionen, die ich angerufen habe.
Und, glauben Sie mir, ich habe bei viele Institutionen und Seniorenresidenzen
angefragt.
„Wir haben nichts frei. Aber Sie können sich auf die Warteliste setzen lassen.“
Wartezeiten von bis zu drei Jahren sind dabei gar keine Seltenheit.
Wer weiß, was in den drei Jahren ist? Und ich brauche doch jetzt Unterstützung.
Preisgestaltung.
Im Grunde genommen handelt es sich bei den betreuten Wohnungen um eine normale
Mietwohnung, die zunächst keine besonderen Vorteile verspricht.
Aber allein, dass die Möglichkeit besteht, Pflegeleistungen in Anspruch zu
nehmen, rechtfertigt anscheinend schon einen extrem hohen Mietpreis.
Wiederum an die Wartelisten gedacht, scheint es trotzdem genügend Interessenten
zu geben.
Alterspolitik.
„Was Sie sind noch keine 60 Jahre alt? Oh, dann passen Sie nicht in unser
Konzept. Wir sind eine Seniorenresidenz.“ Ist das nur eine weitere
Hürde oder ein unüberwindbares Hindernis?
Hilft es da, mit meiner Hilfsbedürftigkeit zu argumentieren? Ach nein, es gibt
ja auch noch die Warteliste.
Und nun kommt für mich ein ganz verrücktes Argument. Nachdem ich endlich einem
Mietvertrag nahe war - man hatte mir eine Wohnung bereits mündlich zugesagt -
benötigte ich im Vorfeld eine Bescheinigung, welche ich bei meinem künftigen
Vermieter anfordern musste.
In diesem Zusammenhang musste ich auch zum ersten Mal meinen Pflegegrad angeben.
Vorher hatte man mich nicht danach gefragt,
und anscheinend sehe ich doch noch fitter aus als gedacht. Am nächsten Tag wurde
mir kurz und bündig mitgeteilt, dass man mir leider keine Wohnung vermieten
könnte.
Nicht diese eine Wohnung, sondern keine! Und das ohne weitere Begründung.
Zunächst hatte ich große Fragezeichen in den Augen.
Was war passiert? Wie kann es sein, dass man mir plötzlich keine Wohnung mehr
vermieten wollte?
Natürlich habe ich nachgefragt, doch eine schlüssige Antwort habe ich nicht
erhalten.
In Gedanken hatte ich meinen Umzug bereits durchgeplant. Doch das war jetzt
alles hinfällig.
Erst nachdem ich bei einem weiteren Institut mündlich
– natürlich mündlich – abgewiesene wurde, man mir deutlich sagte,
dass Menschen mit Pflegegrad 3 und 4 in einem Pflegeheim besser aufgehoben seien
und bei diesen Voraussetzungen keine Wohnraumvermittlung erfolgt, erst dann
verstand ich auch die vorherige Entscheidung.
Wie sagte ein mir sehr wertvoller Freund und Berater. „An der Spitze eines jeden
Konzern bzw. Unternehmens steht ein Kaufmann“.
Jeder Umzug/Einzug kostet auch den Vermieter z. B. durch Leerstände Geld. Die
Wahrscheinlichkeit, dass ein Mieter / eine Mieterin aufgrund der
Verschlechterung
des Gesundheitszustandes in ein Pflegeheim übersiedeln muss, ist mit Pflegegrad
3 oder 4 viel höher als mit Pflegegrad 1 oder 2.
Aber ist nicht genau dafür dieses Wohnmodel geschaffen? Kann es wirklich sein,
dass mein Gesundheitszustand auf dem „freien Markt“ augenscheinlich beurteilt
wird.
Es spielt anscheinend keine Rolle, welche Art der Beeinträchtigung überhaupt
vorliegt.
Meiner Meinung nach, macht es durchaus einen Unterschied, ob ich in meiner
Mobilität eingeschränkt bin oder kognitive Fähigkeiten beeinträchtigt werden.
Aber die Wartelisten sind lang. Es gibt genügend Interessenten.
Und nun noch mal die Frage: Wo soll ich dann hin? Falle ich als junger, schwer
kranker Mensch durch das System?
Wenn man die Zeilen gelesen hat, breitet sich erstmal Fassungslosigkeit aus.
Ein Abschnitt hat mich richtig wütend gemacht. (Fadenscheinige Absage eines
Vermieters). Was interessiert beim Umzug ein Pflegegrad, wenn für Unterstützung
gesorgt ist. Rollstuhlgerechte Wohnungen sind knapp, das ist nichts neues. Aber
man könnte in der Zukunft ein Augenmerk darauf legen. Das würde die
Seniorenheime entlasten
und die Aufnahmekapazität für bettlägerische Menschen erhöhen.
In Deutschland gibt es leerstehende Gebäude, z.B. geschlossene Krankenhäuser,
Firmen, Kasernen etc. Die sollte man in Angriff nehmen und daraus Wohnraum
schaffen. Wäre doch ein tolles Projekt, für jemanden der Geld im Überfluß hat.
Möglichkeiten gibt es..... aber aber! Vielleicht kann Bianca D. mit ihrem Brief
einiges bewegen. Wir wünschen es uns von Herzen.